Irland: Digital Detox Orthodox

Ich mache kein Yoga, und auch ernähre ich mich nicht vegan. Doch zehn Tage im Juli 2016 war ich nonkonform. Mein Smartphone ausgeschaltet und verbannt. Nichts twittern, nichts liken, nicht mal eben schnell durch 'Spiegel Online' scrollen. Meine Absicht: Zur Ruhe kommen, Romane lesen, das turbulente Weltgeschehen ausblenden. Dafür war Galway mein Zufluchtsort.

 

Die Stadt mit 75.000 Einwohnern liegt im Westen von Irland, am Atlantik. Dort habe ich kurz nach der Milleniumswende ein Jahr lang studiert. Seitdem besuche ich Galway (auf irisch Gallimh) regelmäßig. Die Gegend ist mir vertraut, ich weiß, wo Bus und Bahn abfahren. Gute Aussichten, das Handy nicht zu zücken, wenn mich Unwissen und der Drang zu Suchanfragen bedrücken. Doch kann der Versuch einer 'Digital Detox' (oder auf deutsch digitalen Entschlackung) im Online-Zeitalter gelingen?

 

Um die Antwort vorwegzunehmen: Mein Unterfangen hat geklappt. Informationen lassen sich im Nachhinein ergoogeln, Buchtipps auf Bierdeckeln notieren. Jedoch ist das Nicht-Erfahren von Nachrichten unmöglich. Leider kann man Augen und Ohren nicht verschließen, wenn Fernsehbilder ganz plötzlich auf einen einströmen. Dafür ist selbst eine winzige Insel am äußersten Rande Europas zu modern. Drei Versuche, der Reihe nach.

Versuch Nr. 1: Nicht das Alter der ältesten Frau Irlands ergoogeln!

Fionnuala kenne ich seit meinem College Jahr in Galway. Seitdem sind wir in gutem Kontakt geblieben. Als sie hörte, dass ich nach Galway käme, wollte sie mit mir zwei Tage nach Inis Óirr fahren. Diese ist die kleinste der drei Aran-Inseln, die der Bucht von Galway vorgelagert sind. Das Eiland lässt sich von Rossaveal in Connemara und von Doolin aus per Boot erreichen..

Wir wählten den längeren Landweg und den kürzeren Seeweg, um etwaige Seekrankheiten vorzubeugen. Also mit dem Bus zwei Stunden entlang an der Atlantikküste und durch die mondanmutende Karstlandschaft des Burren nach Doolin. Von dort sollte uns dann eine Fähre innerhalb von 30 Minuten auf die Insel bringen, auf der noch irisch gesprochen wird.

Wer sich an die irisch-englische Filmkomödie „Lange lebe Ned Divine!“ erinnert, der mag sich ähnliche skurrile Momente während der letzten Etappe unserer Busfahrt von Lisdonvarna nach Doolin vorstellen...

 

In dem kleinen Dorf stieg eine Dame um die 50 Jahre ein, deren westirischer Akzent unüberhörbar erkennen ließ, dass sie aus der Gegend stammte. Und dementsprechend kannte sie sich sehr gut aus: Wie sie dem Busfahrer erklärte, müsse dieser eine andere Route nach Doolin wählen. Die Beerdigung der ältesten Frau Irlands finde gerade statt, die vor zwei Tagen verstorben war.

 

Unzählige Menschen kämen zur Beerdigung (wo sie selbst hin wollte). Deshalb sei der Weg zum Friedhof, den der Bus normalerweise wählt, mit unzähligen Autos verstopft. Es  gäbe kein Durchkommen. Und so erklärte sie dem Busfahrer, welchen Umweg er nun zu fahren habe, was dieser auch brav tat.