Hier findet Ihr Erlebnisse und Gedanken zum Thema Grenzenlosigkeit.

"Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch"

Es ist nur eine kurze Reise mit dem Rad auf die "Schäl Sick", die rechte Rheinseite von Köln. Umso eindrücklicher die Erlebnisse am 6. Juni 2020: Zehntausend Menschen sind in die Deutzer Werft gekommen, um gegen Rassismus zu protestieren und sich mit den Demonstrierenden in den USA zu solidarisieren. 500 Personen waren erwartet worden. 

Am 25. Mai war der Afroamerikaner George Floyd in Minneapolis (USA) getötet worden. Acht Minuten und 46 Sekunden hatte ein Polizist sein Knie in das Genick des 46-Jährigen gedrückt, sodass dieser keine Luft mehr bekam und erstickte. "I can't breathe" und "Black Lives Matter" sind nun zu weltweiten Parolen geworden. Von Sydney bis nach Washington, in Köln, München und Hamburg: Hunderttausende von Menschen protestieren diese Tage rund um den Globus. Die Schlachtrufe gelten auch dem US-Präsidenten Donald Trump, der mit gewaltverherrlichenden Worten die Proteste in den USA anstachelt, droht das Militär einzusetzen und mit alldem die Gesellschaft weiter spaltet. 

Von Corona-Abstandsregeln ist nichts zu spüren. Kaum Polizei ist zu sehen. So gut wie alle Demonstrierenden tragen einen Mundschutz. Von ihnen sind viele unglaublich jung. Die Proteste sind friedlich. Acht Minuten und 46 Sekunden, so lange wie der qualvolle Todeskampf von George Floyd dauerte, setzen sich die Menschen nieder und schweigen. "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch" - der Vers aus Hölderlins Hymne 'Patmos' geht mir durch den Kopf, als ich der gespenstischen Stille lausche. Mein Gedanke ist gepaart mit der großen Hoffnung, dass der Spuk von Donald Trump nach den Wahlen am 3. November 2020 vorbei ist (07.06.2020).


Deutsch-Französische Freundschaft

In der Mittagspause gehe ich am Rheinufer der Kölner Altstadt spazieren. Dort, wo sich um diese Jahreszeit normalerweise viele Touristen tummeln, ist es still und leer. Nur wenige Menschen sitzen auf den Stühlen der seit Montag wieder geöffneten Gastronomie. An der Mauer, die Weg und Grünfläche voneinander trennt, stehen drei Jungs im Alter von etwa 20 Jahren. Sie sprechen miteinander Französisch. Die Laute erinnern an die „Welt von gestern“ vor Corona, als Fremdsprachen am Rhein flanierten und das Leben mit Menschen aus aller Welt in der Domstadt pulsierte. 
 
Einer von den jungen Männern hält eine große Fotokamera in der Hand. So drängt sich mir auf die Frage: Sind die Jungs kühne Touristen, die trotz Kontrollen und Reisewarnung den Trip über die Schlagbäume gewagt haben? 
 
Ich frage das die jungen Männer auf Französisch. Sie antworten fließend auf Deutsch: Sie seien Studenten der deutsch-französischen Rechtswissenschaften, dieses Semester in Köln, demnächst wieder in Paris an der Sorbonne. Das macht mich zuversichtlich: Es geht weiter für Europa und die deutsch-französische Freundschaft. Später höre ich in den Nachrichten, dass die EU-Binnengrenzen wieder ab dem 15. Juni offen sein sollen (13.05.2020).

 

A propos Lichtblick: Am 18.05.2020 verkünden Kanzlerin Merkel und der französische Präsident Macron einen gemeinsamen Plan für Hilfsprogramme, um EU-Staaten zu finanzieren, die besonders von der Corona-Krise betroffen sind. Damit scheint der ins Stottern geratene deutsch-französische Motor wieder angesprungen zu sein (Nachtrag am 19.05.2020, mehr dazu hier).


9. Mai 2020 - Europatag

"Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung. Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen“ (Robert Schuman am 09. Mai 1950, siehe Quelle hier). 

 

Vor 70 Jahren rief Robert Schuman, damaliger französischer Außenminister, zur europäischen Einigung auf. Der 09. Mai gilt seitdem als Geburtsstunde der heutigen Europäischen Union. Jedes Jahr feiern wir Europatag und gedenken der Appelle von Schuman. Doch ist uns 2020 nach Feiern zumute?

 

Wir betrauern tausende von Toten, die an den Folgen von Covid-19 gestorben sind. Viele Grenzen werden kontrolliert, um die Menschen vor dem Corona-Virus zu schützen. Ob das effektiv ist, ist fraglich. Die EU-Regierungschefs debattieren langwierig über gemeinsame Schulden. In Griechenland leben Schutzbedürftige in überfüllten Camps, weil einige EU-Staaten sich weigern, sie aufzunehmen. - Oh weh, Die Menschen, die vor 70 Jahren Europa mit viel Esprit gegründet haben, würden sich im Grabe umdrehen, sähen sie, in welchem Zustand die EU heute ist. 

Jahrelang haben wir offene Grenzen und die voranschreitende Einheit Europas für selbstverständlich gehalten. Doch vermehrt zeigt sich: Dieses Europa ist in Gefahr für uns alle. Der Primat des Nationalstaats hat wieder Konjunktur. "National Distancing" ist Fluch für EIN GEMEINSAMES Europa! 

 

Was tun am 70. Geburtstag der Europäischen Union? Nicht bangen, sondern hoffen! Wir haben es selbst in der Hand. Angst frisst europäische Seele auf. Taten schaffen Zukunft! 

 

Lasst uns, während wir noch zu Hause bleiben sollen, die europäische Fahne hissen. Lasst uns ein Croissant oder Gelato verzehren. Lasst uns unseren Freunden und Nachbarn erzählen, wie bereichernd es ist, Menschen aus einem anderen Land zu treffen, eine fremde Sprache zu sprechen und uns gegenseitig zu helfen. Und lasst uns schon einmal unsere Tasche packen. Denn der Tag wird kommen, an dem wir wieder reisen, in Europa leben, lieben und arbeiten. Es sind die Taten jedes Einzelnen, die Europa weiter am Leben erhalten (06.05.2020). 


Freiheit in der Eifel

Nach sieben Wochen rationiertem Leben am eigenen Wohnort fahren ein Freund und ich mit dem Zug nach Blens, in die Eifel. Der Ort liegt nur eine Stunde von Köln entfernt. Trotz Maske im Zug, trotz Abstand, es ist unheimlich befreiend, endlich wieder Bewegung, Reisen. Wir wandern zur Hubertushöhe und genießen die phänomenale Aussicht auf den Rursee. Ich fühle mich wie ein Kind, das endlich wieder auf den geöffneten Spielplatz darf und atme den Geruch von Freiheit: Ja, so fühlt es sich an, das Reisen! (01.05.2020)


Ostern 2020 - Reise zu uns selbst

Keine Messen - nur die Kirchenglocken läuten aus vollem Herzen. Die christlichen Feiertage sind dieses Jahr einmalig. Corona verbannt uns in unsere eigenen vier Wände. Schreckliche Nachrichten erreichen uns durch die Medien. 

 

Die Flugzeuge sind auf dem Boden und die Grenzen dicht. Wir sollen zu Hause bleiben, nicht reisen, Kontakte meiden.

Da gilt es ab und an die Augen zu schließen und dem Garaus mit Reiseerinnerungen zu entfliehen. Von der Vergangenheit zehrend den Blick in eine bessere Zukunft lenken, in der die Schranken wieder geöffnet sind (11.04.2020). 


Weltende

"Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken."

 

Weltende von Jakob van Hoddis, 1911.

....und die meisten Flugzeuge hören auf zu fliegen.

 

Van Hoddis' Gedicht geht mir unweigerlich durch den Kopf, wenn ich diese Tage die Nachrichten höre, die apokalyptisch anmuten: Treffen mit anderen Menschen sind verboten, wir sollen zu Hause bleiben, Schulen und Kitas vorläufig bis zum Ende der Osterferien geschlossen; alle Veranstaltungen werden abgesagt. Am 15. März führt Deutschland Kontrollen an den Grenzen zu Österreich, der Schweiz, Frankreich, Luxemburg und Dänemark ein.

 

Am 17. März verkündet das Auswärtige Amt eine Reisewarnung für die gesamte Welt. Die Airlines setzen weitgehend ihren Flugbetrieb aus. Alles ist unfassbar: Der gesamte Globus ist lahmgelegt von einem Virus, das uns in unseren eigenen vier Wänden hält (20.03.2020).